iPhone 7 und die Klinkenbuchse – oder warum die EarPods eigentlich FearPods sind


Update: Mittlerweile kann man sein iPhone sehr einfach auf iPhone 7 upgraden: http://appleplugs.com

So, nun ist es offiziell. Seit einiger Zeit wurde schon vielfach verbreitet, dass das neue iPhone 7 keine Klinkenbuchse für Kopfhörer mehr haben würde. Es gibt zahlreiche Argumente gegen diese Entscheidung, aber keine wirklich überzeugende, die für den Wegfall dieses Standardanschlusses spräche. Für mich ist damit klar, dass das iPhone 6 das letzte Modell sein wird, das ich haben werde.

„Ja, ja“ werden viele meiner geneigten Leser sagen, „war da nicht vor etwa anderthalb Jahren etwas, wo Du ein kurzes Intermezzo mit dem Nokia Windows Phone hattest?“ – ok, zugegeben, die Messlatte, die Apple auflegt, ist hoch. Seit der ersten Generation habe ich das iPhone und ich bin ingesamt zufrieden. Geärgert hat mich, dass ich seitdem den Wechsel von zwei Ladeanschlüssen mitgemacht habe (wenn ich den ersten Anschluss des damaligen iPods mitzähle). Zuletzt habe ich die bittere Pille mit dem Wechsel auf den Ligtning Anschluss geschluckt – auch weil ich einen Anbieter gefunden habe, der die Ladekabel für 2 Euro anbietet. Die taugen zwar primär zum Laden und weniger für die Datenübertragung, und sie funktionieren auch nur bedingt beim Laden, aber alles in allem tun sie ihren Dienst. Ich hatte mir mal 10 dieser Ladekabel bestellt und bisher ist noch keines komplett ausgefallen. 20 Euro ist der Preis für ein einziges originales oder von Apple zertifiziertes Ladekabel.

Weil wir damit noch mehr Geld verdienen und nicht unbeding die Welt verbessern wollen!

„Warum haben wir den Anschluss abgeschafft?“, fragte Apple-Vize Schiller stellvertretend für wohl alle Gäste und antwortete gleich selbst: „Mut“. Es sei anachronistisch, weiterhin an einem jahrzehntealten analogen Anschluss festzuhalten, wenn die Zukunft sowohl digital als auch kabelfrei ist. Lesen wir gestern auf Zeit Online. Dasselbe unsinnige Argument wollen uns auch die WLAN Verfechter erklären. Tatsache ist, dass 99% der Menschen nicht kapieren, dass die Frequenzbänder von WLAN mit anderen in der Nähe befindlichen WLANs geteilt werden müssen und somit die eigene Bandbreite von der Anzahl der gleichzeitig funkenden anderen Netze abhängig ist. Deshalb verwendet man bei bestimmten Aufgaben kein WLAN. Kabelfreies Agieren kann durchaus mit einigen Nachteilen verbunden sein. Eigentlich hätte Schiller auf seine Frage ganz ehrlich antworteen sollen: weil wir damit noch mehr Geld verdienen und nicht unbedingt die Welt verbessern wollen!

Trotz mancher Nachteile bin ich mit kabelgebundenen Headsets zufrieden

Nun also der herbe Verlust der Klinkenbuchse. Um meinen Missmut zu verstehen muss man sich folgendes vor Augen halten: ich verschleiße pro Jahr etwa 2 Headsets. Das liegt zum einen an der Anfälligkeit der Kabel, die früher oder später brechen, zum anderen an der Tatsache, dass ich das Headset im Schnitt pro Tag etwa sechs Stunden benutze. Ich telefoniere fast ausschließlich mit Headset, ich höre viel Radio, Musik und Hörbücher mit dem Headset. Ich weiß nicht wie oft ich mit den Kabeln hängen bleibe und auch mal etwas rabiat den Stecker entferne, wenn ich damit im Bett einschlafe und mich mit dem Kabel „stranguliere“. Dennoch bin ich kein Freund von schnurlosen Headsets, die ich dann permanent – neben dem Akku meines iPhone und dem Akku meines Laptops – zusätzlich laden müsste. Und wir wissen: das Headset fällt immer dann aus, wenn es keine Lademöglichkeit gibt.

Eine Kosten-Nutzen-Abwägung

Ein halbwegs gutes schnurgebundenes Headset mit Micro (z. B. Sennheiser) kostet etwa 40 Euro. Eine schlechtere Apple Alternative ungefähr das doppelte. Mittlerweile handhabe ich es so, dass ich die defekten Headsets von Sennheiser auf Garantie ersetzen lasse, womit sich der Preis also halbiert, denn für den Ersatz kann ich mangels Rechnung keine Garantie geltend machen. Damit halten sich die Kosten in Grenzen.

Wie würde es also mit dem neuen iPhone 7 laufen?

  • Zwei Adapter für die Klinke kaufen (für daheim und für unterwegs)
  • Original von Apple zertifizierte Adapter werden den Standardzubehörpreis von Apple in Höhe von 20 Euro kosten
  • Neben dem Headset gibt es also ein zusätzliches Teil, das ich mitschleppen muss, verlieren kann, das den Geist aufgeben kann – Apple freut’s

Alternativ könnte ich auf das Kabelgedöns verzichten und ein schnurloses Headset kaufen. Das bedeutet:

  • Zwei neue schnurlose Headsets kaufen (für daheim und unterwegs)
  • Das Original von Apple (EarPods) soll schlappe 180 Euro kosten (kann dann vieles von dem ich nichts brauche, wird erfahrungsgemäß nicht ins Ohr passen, wie alle Apple Headsets). Alternative zertifizierte Drittherstellerangebote werden sich am hohen Preis von Apple orientieren, und unwesentlich billiger sein.
  • Neben dem iPhone muss dann auch noch das Headset geladen werden, hier braucht es ggf. ein separates Ladekabel oder einen Adapter mit dem ich parallel mein iPhone laden und gleichzeitig das Headset nutzen und laden kann. Gleichzeitige Nutzung und Ladung der EarPods klappt nicht – sie werden in ein sog. Ladecase reingelegt und verfügen je Ohrstöpsel über einen separaten Akku. Im Sinne von Apple ist es also, dass man sich gleich zwei EarPods kauft, damit man nahtlos telefonieren kann, wenn der Akku ausgeht – den man muss angeblich 15 Minuten laden, um dann wieder drei Stunden Musik hören zu können.
  • Der zusätzliche Akku belastet die Umwelt. Die Akkus haben entgegen aller jahrelangen Beteuerungen, dass sie keinen Memory Effekt hätten, einen Memory Effekt, der früher oder später dazu führt, dass die Laufzeit sich auf ein Minimum reduziert, und damit nicht mehr gebrauchstauglich ist.

Die vermeintliche Innovation, wie Apple sie lobpreist

Schauen wir uns doch die Argumente an, die Apple anführt, aber auch die Argumente, die dem normalen Hausverstand entspringen:

  • Analog ist schlechter als digital: Spätestens wenn der Ton im Kopfhörer ankommt, wurde er analog gewandelt. Warum also erst digital am Ausgang zur Verfügung stellen, um dann im Kopfhörer gewandelt zu werden? Das belastet den Kopfhörer mit einer Aufgabe, die zusätzlich den Akku belastet.
  • Die Klinkenbuchse ist anachronistisch: Sie ist in erster Linie frei von Patenten, weit verbreitet, ein Standard, funktioniert zuverlässig, benötigt keine zusätzlichen Akkus – also alles Dinge, die keinen zusätzlichen Gewinn für Apple versprechen.
  • Der Wegfall schafft mehr Platz im Gehäuse: Das Argument kann man stehen lassen. Der Lightning Anschluss stellt die Signale zur Verfügung und ist schon vorhanden. Man gewinnt Platz für andere (sinnvolle?) Dinge, oder man kann das Gerät vielleicht minimal kleiner bauen.
  • Die Klinkenbuchse spricht gegen die Anforderung, das iPhone wasserdicht zu machen: ist Quatsch. Es gibt andere Hersteller die das hinbekommen, ohne auf die Klinkenbuchse zu verzichten.
  • Der Klang ist digital besser als analog: Bullshit. Der Klang auf einem Headset ist in den seltensten Fällen mit HiFi zu vergleichen. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, Unterschiede in der Klangqualität wahrzunehmen, gleichzeitig ist die Qualität der meisten digitalisierten Klangwerke schon alleine durch die Datenreduktion beeinträchtigt. Was hilft ein angeblich hochwertiges Headset, wenn die Ausgangsqualität schon mies ist? Im Gegenteil, damit könnten sogar Fehler in der Klangquelle vestärkt werden.
  • Die EarPods funktionieren (derzeit) aber nur mit Apple Geräten: ja, wer sich gerne in Abhängigkeit zu einem Hersteller begibt, der ist davon bestimmt überzeugt.
  • Alle Ohren sind gleich: das Argument könnte man Apple unterstellen, denn die EarPods sind aus festem Kunststoff der sich Null Komma Null an die individuellen Gehörgänge anpassen kann.

Eigentlich muss man die EarPods FearPods nennen, denn es steht immer zu befürchten, dass sie verloren gehen, dass sie den Dienst versagen, dass sie nicht passen, dass der Akku kaputt geht, dass sie nur teuer ersetzt werden können. Die EarPods sind die konsequente Fortsetzung des Irrwegs, den Apple mit seiner Apple Watch eingeschlagen hat: Dinge, die die Welt nicht braucht – oder eben nur von Posern gekauft werden.

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2 Kommentare zu „iPhone 7 und die Klinkenbuchse – oder warum die EarPods eigentlich FearPods sind

  1. Das wichtigste Argument: Die Kopfhörer können sich nicht mehr gegen mich verschwören und jedes Mal als Knäuel aus der Tasche kommen, dessen Entwirrung mich Lebenszeit und Nerven kostet, obwohl ich sie doch fein säuberlich aufgerollt in die Tasche gelegt habe … 😉

    PS Bislang lag ja jedem neuen iPhone, iPad und iPod ein Kopfhörer bei. Soll sich das ändern?

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    1. Ja, das mit der Knäuelbildung ist ein Argument. Aber mittlerweile beherrsche ich eine Technik, mit der ich es recht schnell entwirre. Da die FearPods ca 180 Euronen kosten, liegen sie nicht bei. Es soll aber ein Adapter von Klinke auf Lighning beiliegen. Ob ein Headset dabei ist, weiß ich nicht. Aber die Kopfhörer hab ich noch nie verwendet, weil sie schlicht nicht passen.

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