Gedenken zur Wiesn 2015


Wiesn ausm Riesnrad
Wiesn ausm Riesnrad

Samstag, 19. September 2015 8 Uhr. Draußen, wolkenloser blauer Himmel – Wiesnwetter, wie wir zu sagen pflegen. Heute startet sie, die 182. Wiesn. In den letzten Jahren genieße ich es, unter der Woche bei schönem Wetter mittags in einen der Wiesn-Biergärten zu gehen, eine Mass Bier zu trinken und ein schönes wenn auch überteuertes Mittagessen zu mir zu nehmen.

Wenn ich so zurückdenke, beginnt meine Wiesnaffinität vor ziemlich genau 35 Jahren. Ich war zu Besuch bei meinem Freund in München. Ich war am Freitag nach der Schule zu ihm gefahren und wir wollten am Samstag dann (für mich zum ersten Mal) auf das Oktoberfest gehen. Wir waren mächtig aufgedreht, malten uns aus, was wir am nächsten Tag auf der Wiesn „fahren“ würden und es dauerte lange, bis wir endlich schliefen. Am nächsten Morgen wachten wir auf und hörten, dass seine Mutter mit jemanden telefonierte. Nur wenige Wortfetzen drangen durch die geschlossene Kinderzimmertüre und die tränenschluchzende Stimme seiner Mutter verriet, dass etwas Schreckliches geschehen war. Es war der 27. September 1980, einen Tag nach dem Oktoberfestattentat, beim dem 13 Menschen getötet und über 200 verletzt wurden. Damals konnte ich gar nicht ermessen, wie schlimm das war, ich war hin und her gerissen zwischen der Enttäuschung, dass nichts aus dem Wiesnbesuch wurde und Verständnislosigkeit über einen Bombenanschlag auf eine Veranstaltung, bei der die Menschen eigentlich zusammenkamen, um Spaß zu haben.

Meine Mutter begann zwei Jahre später als Bedienung auf der Wiesn zu arbeiten. Damals war das ein lukratives aber – wie auch heute – am Körper Raubbau betreibendes Geschäft. In den 16 Tagen konnte man als Bedienung 5.000 bis 8.000 DM verdienen. Aber es bedeutete auch, dass man über zwei Wochen früh aufstehen, spät schlafen gehen, ein paar hundert Kilo täglich wuchten, stundenlang auf den Beinen sein und allem den mehr oder weniger gut gemeinten Kommentaren der mehr oder weniger stark angetrunkenen Gäste standhalten musste. Manchmal klauen „lustige“ Gäste ein Hendl vom Schlitten (so heißt das Tablett der Bedienung) und das geht dann auf Kosten der Bedienung. Wenn man Glück hatte, dann war man in einer „Boxe“ im Bierzelt beschäftigt, was generell etwas lukrativer und angenehmer zu arbeiten war. Je nach Wetter konnte der Biergarten auch eine bessere Alternative zum Bierzelt sein, weil dort die Musik nicht so laut ist und die Durchgänge nicht ganz so verstopft sind.

Keine Frage, dass die Launen meiner Mutter, von denen vielleicht an anderer Stelle einmal berichtet werden wird, zu dieser Zeit immer besonders ausgeprägt waren. Es dauerte oft Wochen, bis sie sich wieder regeneriert hatte. Über die Jahre wurde die Bedienungstätigkeit auf der Wiesn für sie immer unerträglicher. Insgesamt beklagte sie eine Verrohung der Sitten. Raufte man sich früher und flog schon einmal der ein oder andere Masskrug durchs Zelt (siehe hierzu auch Gerhard Polts Attacke auf Geistesmenschen), so nahmen die Auseinandersetzungen an Brutalität und Häufigkeit zu, und nicht selten musste man auch als Bedienung aufpassen, dass man nicht in eine Auseinandersetzung mit den Betrunkenen geriet. Heute ist es Pflicht, dass Sicherheitsdienste darüber wachen, dass keine Raufereien entstehen, dass Bedienungen nicht tätlich angegangen werden und der Überfüllung der Zelte frühzeitig Einhalt geboten wird.

In meinen Jugendjahren entwickelte ich aber ein eher gespaltenes Verhältnis zur Wiesn. Wiesn war – wenn auch nicht rational begründbar – irgendwie mit CSU und Establishment verknüpft. Gauweiler machte sich zur der damaligen Zeit in München als Kontrolleur und Scharfmacher einen Namen. Ihm ist es übrigens zu verdanken, dass man heute ganz selbstverständlich nachschenken lassen darf, wenn man der Meinung ist, dass der Masskrug nicht mindestens einen Liter enthält (damals war beobachtet worden, wie aus einem 152 Liter Fass fast 200 Mass gezapft wurden – ein Zitat aus jener Zeit von einem der Schankkellner: „A Wies’n-Mass war no nia koa Liter net“).

Insgesamt war, glaube ich, zu jener Zeit unter Jugendlichen die Wiesn längst nicht das Event, das es heute ist. Vielleicht lag es auch daran, dass schon damals die Preise nicht geeignet waren vom Taschengeld oder dem kärglichen Lohn eines Auszubildenden bezahlt zu werden. Heute glüht man an der Tankstelle vor, und gibt sich den Rest auf der Wiesn. Ich mied auf jeden Fall zu jener Zeit über Jahre das Oktoberfest, obwohl ich durch die Bedienungstätigkeit meiner Mutter trotzdem einigermaßen nah am Geschehen dran war.

Einige Jahre später hatte ich dann wieder angefangen, ein paar Mal auf die Wiesn zu gehen. Meistens war es mit Arbeitskollegen und Freunden oder im Rahmen von Einladungen für die Kunden der Unternehmen, für die ich arbeitete – was wiederum heute durch entsprechende Compliance-Richtlinien nicht mehr ganz so üppig ausfällt. Einmal hatte ich mir von früh am dritten Wiesnsamstag eingebildet, vormittags mehrere Mass Bier trinken zu müssen. Ich war binnen kürzester Zeit so besoffen, dass ich es mittags kaum mehr nach Hause geschafft habe. Das war glaube ich, das letzte Mal, dass ich wirklich „out of control“ auf der Wiesn unterwegs war.

In den letzten Jahren habe ich mir den Einzug der Wiesnwirte und den Trachtenzug am ersten Wiesnsonntag immer wieder einmal im Fernsehen angeschaut. Den Trachtenzug versuchte ich einmal live zu sehen, aber man muss schon sehr früh da sein, um einen Platz mit freiem Blick zu ergattern. Meine Herkunft aus dem bayerischen Oberland kann ich irgendwie halt doch nicht leugnen.

Mittlerweile sind, während ich das hier geschrieben habe, graue Regenwolken aufgezogen. Mal sehen ob das Wetter hält. Ich werde jetzt auf jeden Fall dann mal den Fernseher einschalten und mir den Einzug der Wiesnwirte anschauen, und dann das vermutlich mit zwei Schlägen vom obligatorischen „Ozapft is“ gefolgten „auf eine … Wiesn“ unseres Oberbürgermeisters Reiter anschauen und anhören.

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Ein Kommentar zu „Gedenken zur Wiesn 2015

  1. Tja die Wies´n – bei mir ist das so eine Hass-Liebe. Als Kind war ich fasziniert von diesem Spektakel und bekam Sonder-Taschengeld von meiner Oma, das ich an verschiedenen Fahrgeschäften komplett verprasste. In meiner wilden Jugend waren dann die Bierzelte interessanter. Inzwischen vertrage ich kein Bier mehr und die Exzesse rund um das Oktoberfest wiedern mich zunehmend an. Nüchtern ist das eh nicht mehr zu ertragen und der Trachtenfasching irritiert mich immer noch.

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