Die Mär von der Technologiefeindlichkeit – eine Blogger-Kritik


Technologiefeindlichkeit
Technologiefeindlichkeit

Seit einigen Tagen kursiert sie wieder durch verschiedene Blogs: die Technologiefeindlichkeit.
Gerne wird sie bemüht, wenn es mal wieder um die Gefahren und Defizite der Implikationen in der Anwendung der sog. neuen Technologien oder um die neuen Medien selbst geht. Stein des Anstoßes diesmal: die angebliche oder geplante Zerschlagung von Google.
Lese ich diese Blogs fällt mir immer das Intro von Haindlings Höhlenmalerei ein:

Haindling – Höhenmalerei

Und sie sägten an den Ästen,
auf denen sie saßen
und schrien sich ihre Erfahrungen zu
wie man besser sägen könne
und fuhren mit Krachen in die Tiefe.
Und die ihnen zusahen beim Sägen,
schüttelten die Köpfe und 
sägten kräftig weiter.

Fortschrittsfeindlichkeit nach Jeff Jarvis

Vor Kurzem wurde in der Zeit ein Gastbeitrag von Jeff Jarvis veröffentlicht, in dem er seine Sorge um die Technologie in Deutschland äußerte. Sehr ausführlich beschrieb er u. a. anhand des Leistungsschutzrechtes und des Rechts auf Vergessen, wie im politischen und wirtschaftlichen Europa mit den neuen Technologien umgegangen wird. Er attestierte Deutschland und Europa eine Fortschrittsfeindlichkeit. Recht übersichtlich gestalten sich dann aber die Ausführungen, wenn es darum geht, in welcher Form diese Technologien von NSA und Co. missbraucht werden können, um Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Überhaupt nicht ging er darauf ein, welche Macht Unternehmen wie Google durch die neuen Technologien und Mining-Techniken entsteht, und welch hohes Missbrauchspotential in diesen Daten enthalten ist. Er entschuldigte das Verhalten der Internetkonzerne damit, dass es quasi Technokraten seien, oder wie er deutlich zu machen versuchte, Mr. Spocks, die rein logisch und nicht ethisch moralisch oder wertorientiert denken und handeln.

Nun kursieren Meldungen von der Zerschlagung Googles durch die Blogs, und die ewigen Befürworter von Google, Facebook und Co., die alles, was an berechtigter Kritik über das Verhalten der Internetkonzerne mit dem Totschlagargument der Technologiefeindlichkeit fortwischen, fühlen sich sofort auf den Plan gerufen, mehr oder weniger nachvollziehbar die Pläne oder Gedankengänge zu kritisieren. Reelle Nachteile werden entweder klein geredet, ignoriert oder wie in den meisten Fällen als Technologiefeindlichkeit abgestempelt. Die Lösung die oftmals angeboten wird lautet: der Markt reguliert sich selbst – ja, das kommt mir sehr bekannt vor. Wo befindet sich diese Partei gerade, die das jahrelang propagiert hat? Eine differenzierte Auseinandersetzung oder konkrete umsetzbare Lösungsvorschläge oder Handlungsalternativen, geschweige denn die Benennung der tatsächlich damit zusammenhängenden Probleme bleiben die Blogger gerne schuldig.

Die sog. Technologiefeindlichkeit

Woran ich mich in der Diskussion störe, ist nicht die durchaus berechtigte Infragestellung solcher Gesetzesvorhaben, sondern die Ignoranz der möglichen Gefahren, die das unkontrollierte Agieren international tätiger Konzerne hervorbringt und der Mangel am Aufzeigen wirklich funktionierender Alternativen, die alle Seiten im Blick haben, nämlich

  • das Recht des Unternehmens Profit zu erwirtschaften
  • das Recht des Verbrauchers auf seine informationelle Selbstbestimmung und
  • das Recht etablierter Branchen auf Einhaltung wettbewerbsrechtlicher Rahmenbedingungen

Das Versagen der Politik im Umgang mit Firmen wie Amazon, Google, Uber, Facebook und Co. liegt nicht im Anwenden der Technologie sondern in der Art, wie wir Demokratie leben. Es ist dann nur eine direkte Konsequenz politischen Versagens, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dass nur noch politische Offenbarungseide übrig bleiben, um eine Regulierung des Marktes herzustellen.

Aber in diesem Zusammenhang von Technologiefeindlichkeit zu sprechen ist mit Verlaub blanker Unsinn. Nicht die Nutzung der Technologie wird abgelehnt, denn die Technologien werden ja nicht in Frage gestellt, sondern die Implikationen, die der Technologiewandel mit sich bringt.

Das globale Agieren der Internetkonzerne

Im Grunde sagt Jeff Jarvis: ihr Europäer wart zu langsam, und nun versucht ihr durch unsinnige Gesetzesvorhaben wieder einen Gleichstand herzustellen. Womit er Recht hat. Die Wahrheit ist aber auch, dass sich die heute agierenden Platzhirsche die Märkte unter anderen dadurch erobert haben, dass sie im quasi rechtsfreien Raum agierten und die nicht regulierte Internetsituation maximal ausgenutzt haben. Google z. B. hatte angefangen, in großem Stil Bücher einzuscannen. Dabei interessierten sie sich einen Dreck, ob Autoren noch Rechte an den Büchern hatten. Uber missachtet zuerst einmal Gesetze und Verordnungen, die aus gutem Grund existieren. Dann werden sie per Einstweiliger Verfügung aufgefordert, den Dienst einzustellen – was sie ebenfalls und sogar öffentlich missachteten. Facebook sucht sich dasjenige Land aus, das die laxesten Datenschutzrichtlinien hat und wendet das Recht europaweit an, um nationale Schutzgesetze in Deutschland zu umgehen. Amazon und zahlreiche andere Unternehmen zahlen in den Ländern, in denen sie ihre Umsätze erwirtschaften keine Steuern und nutzen ganz legal Steuerschlupflöcher. Amazon sucht sich diejenige Branche aus, in der sie für sie geringeren Tarif bezahlen muss. Die Liste lässt sich fortsetzen. Unsere Politik ist zu korrupt oder zu unfähig diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

Die Internetkonzerne nutzen gerne alle Vorteile eines Marktes, blenden aber die Nachteile resp. kostenverursachende Rahmenbedingungen gerne aus oder umgehen sie aktiv. Starbucks Filialen, die ebenfalls in Deutschland keine Steuern zahlen (wenn wir der Recherche der Anstalt glauben dürfen), profitieren aber gerne von der Sicherheit, die sie in diesem Land genießen. Sie müssen kaum Angst haben, dass hierzulande Korruption herrscht und Mafiabanden Schutzgelder erpressen. Sie können sich darauf verlassen, dass ihre Filialen nicht laufend von Kriminellen überfallen werden. Sie werden ehrlich und gerecht behandelt. Das alles wird in einem Rechtsstaat durch Steuern finanziert und sichergestellt. Das begreifen aber scheinbar weder die Kunden, die ihr Geld in überteuerten Kaffee in die Filialen tragen, noch die internationalen Konzerne selbst. Durch diese wettbewerbswidrigen Verhaltensweisen werden aber lokal agierende Wettbewerber, die ihre Gewinne nicht ins Ausland oder in Steueroasen verbringen können oder wollen kaputtgemacht.

Haben wir wirklich verstanden?

Und wie steht es mit der gesellschaftlichen Verantwortung der international agierenden Unternehmen? Wie bitte? Seit wann muss ein Unternehmen gesellschaftlich verantwortlich agieren? Alles mitnehmen und verbrannte Erde hinterlassen! Das ist die Devise. Blöd nur, dass wir Verbraucheridioten nicht bemerken, dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Ich empfehle den lieben Bloggern dringend folgende Lektüre: To save everything click here von Evgeny Morozov. Er zeigt, wo die eigentlichen Probleme in diesem Technologiewandel (und wir befinden uns vermutlich erst am Beginn des Verstehens dieses Wandels) liegen. Nämlich die Erkenntnis, dass dieser Technologiewandel an den ethischen, moralischen, politischen und kulturellen Grundfesten rüttelt und diese auch in negativer Art und Weise beeinflussen kann.

Kurz zusammengefasst: kennen wir die Konsequenzen des Einsatzes dieser Technologien und sind wir uns bewusst, was diese Konsequenzen für unser Zusammenleben bedeuten? Nein? Dann sollten wir die Bremse anziehen. Erst wenn wir diese Fragen umfänglich beantworten können, sollten wir die Bremse lösen, denn die Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie Bahn bricht beherrscht im Moment, außer den Konzernen (möchte man hoffen), niemand. Weder die Politik, noch die Juristen, noch die Unternehmen und am allerwenigsten die Verbraucher.

Advertisements

Was meinst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s