HR Giger ist tot – und wieder mit Li vereint?


Tribal Biomechanic
Tribal Biomechanic

Es ist 5:39 Uhr am Morgen des 15. Mai 2014. Mein Handy brummt und ich werde aus meinem Traum gerissen. Eine Terminerinnerung? Eine SMS. Von wem? Von meiner Bank. Sehr freundlich. Wenn ich schon wach bin, dann hole ich gleich die Mails ab. Twitter hat wieder geschrieben. Ich schaffe es nicht, mich bei diesem Dienst zu deregistrieren, sie wollen einfach meine Daten nicht löschen. Also lösche ich jede Twitter-Mail ungelesen. Ich habe sie schon zum Löschen markiert, als ich den Betreff „Der Alien-Vater ist tot“ wahrnehme. Ich brauche eine Weile bis ich HR Giger damit in Verbindung bringe. Offenbar war er bereits am 12. Mai nach einem Treppensturz im Alter von 74 Jahren verstorben. Es gibt keinen Künstler mit dem ich mehr verbunden wäre – und zwar im wortwörtlichem Sinne: seine Kunst ziert meine Haut.

Einen Oscar für Giger

Das erste Mal hörte ich von Giger Ende der achtziger Jahre. Damals sah ich eine Dokumentation über ihn im Fernsehen, und da erzählte er u. a. über seine persönlichen Eindrücke bei der Oscar Verleihung, als er für die besten visuellen Effekte im Film Alien ausgezeichnet wurde. Ich war fasziniert, wie ein Mensch dieser Ehrung und dem ganzen Trubel drum herum so wenig abgewinnen konnte. Das Interview war wohl in seiner Wohnung oder einem Atelier gedreht worden, und er kramte doch tatsächlich aus einem Regal, in dem zig Bücher und anderer Verhau gestapelt war, die goldene Figur hervor. Er kommentierte diese Handlung lakonisch in unnachahmlichem Swizerdütsch, als wäre es das Nebensächlichste der Welt, mit den Worten „… und da bekam ich diesen Oscar“.

Vergleicht man Gigers Kunst und diese Hochglanzfigur, dann könnte der Kontrast nicht größer sein. Ich hatte Alien nicht im Kino gesehen sondern erst im Anschluss an die Dokumentation. Ansonsten hätte ich beim Betrachten dieses Films nicht gewusst, und es hätte mich wohl auch nicht interessiert, dass eben jener Giger der Schöpfer der Alien-Figur war. Gigers Kunst befremdet und verstört. Seine Bilder sind düster, gewalttätig. In dem Interview hatte er geäußert, dass die Bilder die er malt, seinen Träumen entsprängen. Ich fand es furchtbar, solche Träume zu haben, und trotzdem faszinierte mich diese Kunst, weil sie so anders und so neu für mich war.

»Ich bin am ganzen Körper bebildert. Sehen Sie.« Er öffnete seine Hand. Auf der Innenseite war eine frischgeschnittene Rose zu sehen, zwischen deren zartrosa Blütenblättern kristallklare Tautropfen standen. Ich streckte meine Hand aus, um sie zu berühren, aber es war nur eine Abbildung.

Ray Bradbury – Der illustrierte Mann

Biomechanik

Ein paar Jahre später unterhielt ich mich mit meinem Cousin über Tätowierungen. Bis dahin war das nie ein Thema für mich gewesen. Ich verstand nicht, was jemanden dazu bewegt, sich Symbole wie eine Indianerfeder oder einen Adler auf den Oberarm tätowieren zu lassen. Mein Cousin stimmte mir zu und zeigt mir bei dieser Gelegenheit sein Tattoo, das über die Brust und den Bauch zur Seite verlief. Ich war fasziniert von dem Tattoo, denn es war etwas völlig anderes: eine Mischung aus Tribal und biomechanischen Strukturen, die mit der Haut verwachsen schienen und so nicht plakatives Abziehbildchen sondern ein Körperbild darstellten. Von diesem Augenblick an wusste ich, dass für den Fall, dass ich mich jemals tätowieren lasse, einzig diese Kombination in Frage käme.

Schon kurze Zeit später fand ich mich bei dem Tätowierer ein, der bereits meinen Cousin gestochen hatte und besprach mit ihm das Bild, das bald mein Schulterblatt zieren sollte. Der Tätowierer hatte Giger „studiert“ und gelernt, die Airbrushtechnik so anzuwenden, dass sie mit Nadeln auf den Körper gemalt werden können. Nur wenige Linien brauchte er mit einem Kugelschreiber vorzuzeichnen, gerade einmal die Grenzen, in denen das Bild entstehen sollte. Die biomechanischen Strukturen entstehen während des Stechens. Hier ein Dorn, dort ein Schlauch, der das System mit Energie versorgt. Viele spitze krallenförmige Sicheln, die Messern gleich bedrohlich wirken. Das Bild entsteht nach und nach, wird räumlich, es entsteht Tiefe durch Licht und Schatten. Wer selbst schon mal gezeichnet hat kennt es vielleicht, dieses Eintauchen in die Welt dieses Bildes, die Umsetzung einer phantastischen Vorstellung. Die Sitzungen dauerten ewig. Aber das Ergebnis gefiel mir so gut, dass ich nach und nach immer wieder neue Tattos machen ließ, die mehr oder weniger als biomechanisch bezeichnet werden können.

Giger ist immer auch Li

Das jüngste Tattoo-Projekt sollte ein Giger-Bild von Li werden, der Lebensgefährtin Gigers. Er hatte sie in vielen seiner Werken verewigt. Sie litt an Depressionen und beging 1975 Suizid. Ich hatte mich für das Bild Li II entschieden. Im Zentrum steht der abgetrennte Kopf von Li, die Augen glasig, getrübt. Aber es ist kein toter Kopf, sondern einer der scheinbar am Leben erhalten wird. Ein Schlauch tritt in den Hals ein. Man weiß nicht ob er den Kopf mit etwas versorgt, oder Flüssigkeit daraus abläuft. Um diese Mitte herum baut sich das Bild auf. Lis Kopf scheint eingebettet oder eingewachsen in einer biomechanischen Struktur. Darüber türmen sich Schädel durch deren Höhlen sich eine Schlange windet. Der Kopf der Schlange ruht auf Lis Stirn mittig über dem Nasenansatz. Links und rechts neben den Schädeln sind zwei Gestalten mit Händen angedeutet, die Spraydosen halten, und sie wirken, als seien sie Gigers Hände, der dieses Bild in Airbrushtechnik geschaffen hat. Am linken und rechten Bildrand sind krabbenähnliche Wesen angeordnet, eine eher männlich, die andere weiblich, die nach oben in einen torsoähnlichen Körperteil übergehen, darüber Totenschädel, in die Trichtergefäße münden. Dieses Bild hatte mich schon immer fasziniert und irritiert. Und ich wusste, dass ich es eines Tages auf meiner Haut haben würde. Nachdem ich dann eine Tätowiererin gefunden hatte, die Bilder qualitativ hochwertig auf die Haut übertragen kann, war das Projekt beschlossen. Ich brauchte einige schmerzhafte Sitzungen, bis Gigers Werk endlich fertig war.

HR Giger Li II
HR Giger Li II

Giger soll mal gesagt haben, dass es für ihn die größte Anerkennung sei, wenn jemand sich seinen Körper mit seiner Kunst verzieren lässt. Für mich sind diese Tattoos nun eine Reminiszenz an Giger, dem Künstler, mit dem ich ein Leben lang verbunden sein werde.

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2 Kommentare zu „HR Giger ist tot – und wieder mit Li vereint?

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