Das Wissensmanagement und der Hype um 2.0 und Social


Hype, Hyper, ?
Hype, Hyper, ?

Dass Hypes auftreten, ist wohl ein Naturgesetz. Hypes sorgen für Diskussion und führen in der Regel irgendwann zu der Erkenntnis, dass nicht jeder Hype automatisch zum Paradigma wird – was wenig verwundert, liegen zwischen Hype und Paradigma doch einige Jahre Unterschied. Mit Rationalität und wissenschaftlicher Fundiertheit muss ein Hype allerdings nichts zu tun haben.

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. BITKOM veröffentlichte Anfang 2013 eine Studie zum Einsatz und Potential von Social Business, in der 161 ITK Unternehmen befragt wurden. Beim Lesen solcher Studien beschleicht einen doch immer wieder der Eindruck, dass diese primär dazu dienen, Hypes und Moden zu befeuern – ganz im Sinne der Watzlawickschen self-fulfilling prophecies: wenn nur ein Thema immer und immer wieder von möglichst vielen Branchenkennern und Medien in die Breite getragen wird, glaubt man irgendwann, dass dessen Relevanz größer ist, als es tatsächlich der Fall ist. Bestärkt wird dieses Phänomen noch zusätzlich durch die neuen Medien, was im Zusammenhang mit Social Media besonders interessant ist.

Wissenschaft und Hype

Tatsächlich kämpft die Wirtschaftsinformatik als interdisziplinäre Wissenschaft schon lange mit dem Vorwurf, sie würde sich zu sehr auf Hype-Themen konzentrieren und sich weniger rational und grundlagenorientiert mit den Themen auseinandersetzen (siehe hierzu auch Mertens Moden und Nachhaltigkeit in der Wirtschaftsinformatik). Zwischenzeitlich sind aber auch rein betriebswirtschaftliche Disziplinen, z. B. im Bereich Marketing, mit eigentlich informatiknahen Themen befasst, was die Stellung der Wirtschaftsinformatik nicht unbedingt verbessert hat. Die Forderung nach wissenschaftlicher Analyse und rationaler Bewertung, zum Beispiel der neuen Medien, geht im Kanon der Hype-getriebenen Vermarktungsstrategen unter, und bleibt von der Masse ungehört.

Über die Irrationalität auf Hypes beruhenden Handelns könnte man sich geflissentlich ausschweigen. Wenn, ja wenn da nicht gleichzeitig Publikationen über die Medien verbreitet würden, die die Note einer (manchmal vermeintlich) wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen suggerieren, und die gerne auch aus zweiter und dritter Hand von Journalisten mit Halbwissen missinterpretiert und falsch zitiert werden.

Studien zum Wissensmanagement

In besagter BITKOM Studie wird u. a. die Aussage „Durch Social Software haben wir unser internes Wissensmanagement verbessert.“ von 73 % der Befragten ITK Unternehmen (n=115) bestätigt. Eine empirische Studie der Universität Potsdam aus 2007 (n=131) mit einem Unternehmensanteil von ca. 27 % im Bereich IT-Dienstleistung und -Beratung ermittelte, dass ca. 69 % der befragten Unternehmen tatsächlich ein aktives Wissensmanagement betreiben bzw. eine Wissensmanagementstrategie hätten. In dieser Studie wird das Wissensmanagement in der Praxis untersucht, wobei der Fokus primär auf den Einsatz von IT-Systemen im Bereich Kodifizierung und Personalisierung liegt. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO veröffentlichte 2010 eine Studie mit dem Titel „Wissensmanagement 2.0 – Erfolgsfaktoren für das Wissensmanagement mit Social Software“. Dort wurde erhoben, dass 67 % (n=77) den Einsatz von Social Software als positiv für das Wissensmanagement einschätzen.

Allen drei Studien ist eines gemein: sie beschränken das Wissensmanagement auf die Aspekte der computergestützten Informationsverarbeitung und Datenbankentwicklung und untersuchen dabei die Auswirkungen auf das Wissensmanagement. Bekanntermaßen wird bei diesem Ansatz die humanorientierte Perspektive oftmals vernachlässigt. Im Gegensatz dazu ist aber auch ein rein humanorientierter Ansatz nicht zielführend, da er die personenunabhängige Speicherung und Verarbeitung von Wissen in Form einer Wissensbasis vernachlässigt. Eine Synthese der beiden Sichten stellt ein integrativer Ansatz des Wissensmanagements dar, der durch die beiden Wirtschaftswissenschaftler Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi 1995 mit dem Buch „Die Organisation des Wissens“ veröffentlicht wurde. Das Buch beleuchtet die Sicht japanischer Unternehmen, die rein kulturell über eine andere Form des Umgangs mit Wissen verfügen, und in den 1990er Jahren offenbar zu einer höheren Innovationskraft und damit zu einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit wesentlich beitrugen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Wissensformen und deren Umwandlung (implizit/explizit) bieten spannende Ansätze für den Umgang mit Wissen. Wesentlich ist aber für ein Wissensmanagement, das einem integrativen Ansatz folgt, dass zunächst der Mensch im Mittelpunkt der Überlegungen steht, und zuerst verstanden werden muss, wie der Umgang mit Wissen in einem soziologischen System ausgeprägt ist.

Wie kann sich die Unternehmenskultur ändern?

Unternehmenskultur und Kommunikation sind die wesentlichen Ansatzpunkte, die das Wissensmanagement im Unternehmen betreiben. Dabei ist es aber nicht zwingend notwendig, dass insbesondere die Kommunikation durch technische Neuerungen begleitet werden muss, und damit die Unternehmenskultur einen Wandel erfährt. Durch rein technologische Ansätze werden viel zu schnell Ressourcen verbrannt, und dezimieren das Budget für humanorientierte Maßnahmen.

Die Unternehmenskultur (verallgemeinert gesprochen) muss schon lange verändert werden – sie tut es nur erfahrungsgemäß nicht. Sie tut es vor allem deshalb nicht, weil es neue technische Errungenschaften gibt, die unsere Kommunikation angeblich verbessern sollen. Bereits die ersten Ansätze des Wissensmanagements, die rein technologisch ausgelegt waren, sind grandios gescheitert, und können als Datenleichen in diversen Knowledgebases, Wikis oder elektronischen Organisationshandbüchern bewundert werden. Hier manifestiert sich die Todesspirale nach Probst, die in einem Kreislauf von zurückgehenden Investitionen in die Aktualität der Wissensbasis eine Abnahme der Qualität der Inhalte bewirkt, was wiederum das Vertrauen in die Inhalte reduziert und damit die Nutzung der Wissensbasis zurückgehen lässt, was dann weitere Investitionen nicht mehr rechtfertigt etc.

Im Bereich der Software-Entwicklung bieten interessanterweise die agilen Ansätze des Projektmanagements tatsächlich Möglichkeiten, die Kommunikation und damit auch einen Teil der Unternehmenskultur zu verbessern. Interessanterweise deshalb, weil diese Ansätze überhaupt nicht auf den Einsatz von Werkzeugen (oder Social Media) bestehen, sondern die persönliche Kommunikation in den Vordergrund stellen. Man muss kein Scrum-Guru sein, und kann als Anwender von klassischen Vorgehensmodellen wie V-Modell XT und RUP durchaus kritische Aspekte in Scrum erkennen, die nicht beantwortet erscheinen, dennoch sind viele Methoden in Scrum dazu geeignet, die Kommunikation und damit die Wissens(ver)teilung positiv im Sinne des Unternehmen-Stakeholder-Verhältnisses zu befördern.

Unternehmen müssen nicht jeden Hype mitmachen

So manches Unternehmen wagt den Schritt ins Web 2.0 oder den Einsatz von Social Media eher aus einem Gefühl heraus, mithalten zu wollen oder zu müssen, und weniger aufgrund rationaler Abwägungen, denen eine ehrliche Analyse vorausgegangen ist. Diese Angst, etwas zu verpassen oder einem etwaigen Paradigmenwechsel hinterher rennen zu müssen, scheint aber unbegründet. Sofern ein Unternehmen nicht tatsächlich im Bereich ITK oder Marketing unterwegs ist, besteht nicht zwingend ein Anlass zum Aufspringen auf einen Hype wie die Nutzung von Social Media im Unternehmen. Denn ein Paradigmenwechsel kann ehrlicherweise nur nach einer längeren Zeitspanne festgestellt werden. Alles was dazwischen aufgeflammt und wieder erloschen ist, war eben nur ein Hype.

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