Die Mär vom schuldigen Verbraucher


Nicht nur Geiz ist geil
Nicht nur Geiz ist geil

Endlich haben wir wieder einen flächendeckenden Lebensmittelskandal! Erst hofften wir, es wäre nur ein Problem der Briten auf der Insel. Dann war klar, es waren die bösen Rumänen. Und mittlerweile ist der Skandal über Frankreich, Luxemburg und die Niederlande endlich auch in Deutschland angekommen. Wie immer, dauert es nicht lange, bis sich ein Vertreter der Lebensmittelindustrie oder des Einzelhandels findet, der den wahren Schuldigen ausgemacht hat:

den Verbraucher.

Die Verkehrung des Verursachungsprinzips

Das Argument, der Verbraucher sei schuld, dass es immer wieder Lebensmittelskandale gibt, ist so schön einfach, weswegen es gerne unreflektiert nachgeplappert wird: weil der Verbraucher so geizig ist, ist die Lebensmittelindustrie geradezu gezwungen, Gesetze zu brechen und Einzelhändler zu täuschen. Würde der Verbraucher nur mehr Geld für Nahrungsmittel bezahlen, dann bräuchte es keine Skandale zu geben. Wenn man sieht, wie Großverdiener nicht den Hals voll kriegen können, beschleichen einen doch gewisse Zweifel, ob das alleine etwas ändern könnte. Die Argumentation erinnert doch irgendwie an die vergewaltigte Frau, die ihrem Schicksal hätte entgehen können, wenn sie sich nicht so aufreizend angezogen hätte.

Interessant bei dieser Argumentation ist, dass die Industrie gerne ihre Gewinne maximiert, auch indem sie zu Billigstpreisen einkauft, und ggf. Kontrollen einspart oder sich darauf verlässt, dass der Staat seiner Kontrollpflicht nicht nachkommt. Wenn der Verbraucher aber sparen muss, gerät er zur Zielscheibe derer, die ihr kriminelles Handeln damit rechtfertigen. Schlimmer noch sind diejenigen, die gar nicht auf Seiten der Industrie stehen, sondern die aus der Position eines gewissen Wohlstands heraus argumentieren. Nur weil sie es sich leisten können, bei Käfer und Co. einzukaufen, wird herablassend auf diejenigen geschaut, die sich in den Discountmärkten mit Lebensmitteln eindecken. Es soll aber auch wohlhabende Menschen geben, die gerne bei ALDI und Co. einkaufen, weil sie gerne ein Schnäppchen machen.

Wieviel Einfluss hat der Verbraucher auf das Produktionsverhalten?

Diese Frage wird von der Industrie gerne nach aktueller Gemütslage beantwortet, oder anders ausgedrückt, so, wie es der Industrie gerade gut in den Kram passt. Bei Lebensmitteln ist der Verbraucher schuld, weil er billig kaufen will. Sparsame Autos werden nicht produziert, weil sie angeblich nicht nachgefragt werden (in Wirklichkeit werden sie schlicht mit unzureichenden Budgets vermarktet, so dass ein Scheitern vorprogrammiert ist). Andererseits werden Autos vermarktet, die wir nicht brauchen – zum Beispiel SUVs. Und die Politik fördert diesen Irrsinn sogar noch, indem sie diesen CO2 Schleudern höchste Energieeffizienz bescheinigt. Am Ausbau des Stromnetzes ist natürlich auch der private Verbraucher schuld, weil der ja permanent gegen Überlandleitungen vor Gericht zieht. Das veranlasst dann unsere Politiker mal eben die Last auf die privaten und kleinen gewerblichen Verbraucher abzuwälzen, und den Energiefressern die EEG Umlage zu erlassen. Apropos Politik: unsere „Verbraucherschutz“-Ministerin ist bei jedem Lebensmittelskandal immer sehr präsent und kündigt entsprechenden Maßnahmen an. Wenn dann wieder genügend Zeit verstrichen ist, und schon keiner mehr daran denkt, werden die angekündigten Maßnahmen so weich gespült, dass sie schlicht unwirksam sind. Irgendwann war wohl mal angekündigt, dass die schwarzen Schafe der Lebensmittelindustrie im Internet veröffentlicht werden. Das ist bis heute nicht im Sinne des Verbrauchers umgesetzt.

Wir sollten uns einfach damit abfinden, dass wir als Verbraucher schlicht keinen Einfluss auf die Machenschaften der Industrie haben, und im Zweifelsfalle auch die Schuld auf uns nehmen, wenn etwas schief geht. Die Politiker, die wir eigentlich dafür wählen, unsere Interessen zu vertreten, stellen sich in der Regel als Handlanger der Lobbyisten heraus und agieren im Sinne der Industrie, die nur damit drohen muss, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, wenn die Politik nicht spurt.

Insofern müssen wir uns auch nichts dabei denken, dass hin und wieder ein kleiner Skandal nach oben kocht. In ein zwei Wochen redet keiner mehr darüber. All den anderen, die das Glück hatten eine Pferdelasagne gegessen zu haben: Gaul ist geil!

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2 Kommentare zu „Die Mär vom schuldigen Verbraucher

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