Begegnungen in realen sozialen Netzen


Die Netzwerkwissenschaft beschäftigt sich mit der Untersuchung von Strukturen von Netzwerken und u. a. mit dem Beweis der Theorie der Sechs Schritte. Dabei geht es darum, dass man schon lange annimmt, dass jeder Mensch auf der Welt über max. sechs Schritte eine Beziehung zu jedem anderen Menschen auf der Welt hat. Wenn man annimmt, dass 100 Menschen 100 andere Menschen kennen, und diese wiederum auch jeweils 100 Menschen kennen, dann erhält man bereits nach 5 Schritten eine Anzahl, die über die Gesamtweltbevölkerung hinaus geht. In diesem theoretischen Modell ist jedoch nicht berücksichtigt, dass es insbesondere in sozialen Kreisen zahlreiche Überlappungen gibt. Das Spiel Six Degrees of Kevin Bacon zeigt sehr anschaulich, dass es trotzdem nur weniger Schritte bedarf, um bei Kevin Bacon heraus zu kommen. Beim Sozialen Netzwerk Xing werden neue Kontakte oftmals bereits nach zwei oder drei, selten vier Schritten hergestellt. Wie die Netzwerkwissenschaft zeigt, sind hierbei entscheidend die zentralen Knotenpunkte im Netz, wo viele Kontakte zusammenlaufen (weshalb sich Netzwerker, die sich für besonders wichtig nehmen, gerne mit jedem verknüpfen, und damit sicherstellen, dass wirklich jeder Kontakt spätestens nach sechs Schritten eine Verbindung hat). Viel spannender scheint jedoch die Frage, wie es funktioniert, dass man Menschen trifft, zu denen man einen direkten oder indirekten Kontakt hat, obwohl das gar nicht geplant ist. Dass man jemanden im Urlaub trifft, der aus der selben Stadt kommt, oder vielleicht aus dem selben Tausendseelendorf, ist nicht ganz unwahrscheinlich, weil man ja häufig zur selben Zeit Urlaub nimmt und vielleicht eine ganz günstige Reise bei einem bekannten Anbieter gebucht hat. Trifft man hingegen jemanden, den man eigentlich nicht kennt, der aber indirekt eine Verbindung zu jemanden hat, den man kennt, dann lässt sich das nur bewerkstelligen, indem man kommuniziert.

Wie so oft war ich im ICE unterwegs von München nach Mannheim. Die Reservierungsanzeige machte darauf aufmerksam, dass ab München bis Mannheim der Platz neben meinem ebenfalls besetzt sein würde. Manchmal bleibt so ein Platz aber frei, worauf ich insgeheim gehofft hatte. Ab Hauptbahnhof war der noch unbesetzt, aber wir würden ja noch in Pasing halten und dann könnte der Fahrgast doch noch kommen.  Zufällig saß in diesem Wagon auch eine Bekannte, die ich bereits vor ein paar  Wochen kennen gelernt hatte. Sie ist Lehrerin an einer Schule in Mannheim und pendelt ebenfalls. Wir verabredeten, uns zusammen zu setzen, sofern der Platz frei bliebe. In Pasing stieg dann ein älterer Herr ein, und seine suchenden Blicke über die kleinen Reservierungsnummernanzeigen verrieten, dass er nicht so häufig mit der Bahn unterwegs ist. Ich dachte bei mir, dass dies bestimmt mein Sitznachbar sei – und tatsächlich: nachdem er einmal den Wagen suchend auf- und abgegangen war, landete er wieder bei mir und wusste nun, dass der Fensterplatz neben meinem seiner war.

Es dauerte auch nicht lange und wir kamen ins Gespräch. Er meinte entschuldigend, dass man ihm wohl ansähe, dass er so gut wie nie mit der Bahn unterwegs sei.  Normalerweise führe er mit dem Auto, aber da er auf eine Beerdigung nach Köln müsse, wollte er die lange Strecke lieber nicht über die Autobahn zurücklegen. Im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann so einiges: er ist gebürtiger Kölner und Rentner, lebt in Eichenau, hat einen Sohn, der als Zahntechniker in Schwabing in einer Zahnarztpraxis arbeitet, er selbst hatte früher als Arbeitsvermittler im Arbeitsamt bzw. in der Arbeitsagentur in Dachau und Fürstenfeldbruck gearbeitet. Vor ein paar Jahren hatte er sich ein Haus in Kroatien gekauft, wo er den Sommer über Urlaub macht. Er ist zusammen mit dem Herausgeber des Fokus‘ Helmut Markwort im selben Tennisverein aktiv. Er spielt schon seit vielen Jahren Gitarre und aktuell spielt er in einer Jazzband (und da wird immer behauptet, die Leute gäben über Soziale Netze Informationen über sich preis).

Munich Jazz Combo
Die Autogrammkarte der Munich Jazz Combo

Auf seine Band angesprochen gab er mir die Autogrammkarte, auf der er mit den anderen Musikern abgebildet war. Ob sie denn im Internet vertreten seien? Nee, man wolle ja nicht das Finanzamt auf sich aufmerksam machen (naja, jetzt sind sie doch drin ;-)) Dann las ich seinen Namen, und der kam mir doch irgendwie bekannt vor. Ob sein Sohn zufällig Christian hieße, fragte ich ihn, und er bestätigte es. Wie es der Zufall es wollte, hatte ich mit seinem Sohn vor ca. 30 Jahren zusammen im selben Fußballverein gespielt. Wir unterhielten uns dann bis Mannheim noch sehr angeregt über damalige Ereignisse, gemeinsame Bekannte und alles Mögliche. So vergingen die drei Stunden nach Mannheim wie im Flug. Am Bahnhof verabschiedeten wir uns, ich verließ zusammen mit der Lehrerin, die Geographie und Französisch an der Oberstufe unterrichtet, und deren Mann an der TU in Garching am Lehrstuhl des deutschen Physiknobelpreisträgers Theodor W. Hänsch arbeitet, und die im Februar kommenden Jahres ihr erstes Kind erwartet, in Mannheim den Bahnhof.

Über Facebook und Co. hätte ich diesen netten Menschen wohl niemals getroffen – und nebenbei gesagt ist die Internetverbindug im ICE zwischen München und Mannheim alles andere als stabil. Heute sitze ich wieder im ICE zurück nach München. Ich teile seit Stuttgart das Abteil mit zwei „Beratermenschen“ die jeder mindestens 2 Meter hoch sind, der eine in sein Laptop vertieft, der andere das Managermagazin lesend. Ja, auch solche Fahrten gibt es. Da schreibe ich dann meinen Blogeintrag und bringe so die Zeit herum.

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