Bitte nicht vor meiner Tür! Reisende und Roma werden immer wieder vertrieben.


Die Meldungen in den Medien wiederholen sich tagtäglich. Alles haben wir irgendwie irgendwann schon einmal so oder so gehört, gelesen oder gesehen. Es gibt selten Neues. Gaddafi hat sich angeblich in einem Loch verkrochen – wie damals Saddam, und Gaddafi wurde vermutlich vom eigenen Volk gelyncht – wie damals 1989 Ceaușescu in Rumänien. Nur wenig Beachtung fand ein Ereignis, das am 19. Oktober 2011 in der Nähe von London statt fand, was letztlich auf die sich in jüngerer Vergangenheit häufig wiederholenden Meldungen zur Finanz- und Bankenkrise zurückzuführen ist. Hätte nicht ein Wohnwagen effektheischend gebrannt, was herrliche Bilder geliefert hatte, und wäre die Staatsmacht nicht mit einem hunderköpfigen Polizeiaufgebot gegen sich heftig wehrende Zivilisten und deren Sympathisanten vorgegangen, wäre es vermutlich noch nicht einmal eine Meldung wert gewesen. Die Rede ist von den Irish Travellern die im 21. Jahrhundert mitten in Europa aus ihrer Heimatsiedlung – angeblich völlig rechtsstaatlich – vertrieben wurden.

Auch diese Art der Meldungen haben wir so oder so schon mal irgendwo gehört, gesehen oder gelesen (prominente Beispiele in Frankreich, in Italien und Rumänien und auch in Finnland). Und wahrscheinlich ist es auch nur der eskalierenden Gewalt bei der Räumung der Siedlung Dale Farm zu verdanken, dass ich es wahrgenommen habe. Und eigentlich gibt es auch keinen Grund, darüber abermals etwas in den bescheidenen kleinen Kreis zu tragen, der dieses Blog liest, wenn sich da nicht ein paar sehr präsente Erinnerungen aus meiner eigenen Jugend aufgedrängt hätten.

Als Angehöriger einer ähnlichen soziokulturellen Gruppe sind mir sowohl deren Lebensweise als auch die Vorurteile gegen sie bestens bekannt. Meine Mutter berichtete mir damals Folgendes, was sich in der 80er Jahren zugetragen hatte: sie hatte geheiratet und suchte zusammen mit meinem Stiefvater eine Wohnung in einem Ort westlich von München. Meine Mutter war nach dem Krieg in den späten vierziger und fünfziger Jahren in diesem Ort aufgewachsen und als junge Erwachsene wegzogen. Zwischenzeitlich war die Gemeinde auf über 10.000 Einwohner angewachsen. Durch ihre Heirat hatte sie den Namen ihres Ehemannes angenommen – auch, um nicht unter den Vorurteilen, die mit ihrem Mädchennamen verbunden waren, leiden zu müssen. Das schützte sie aber nicht davor, mit den Vorurteilen – sozusagen als vermeintlich Unbetroffene – konfroniert zu werden. Als sie mit dem Vermieter unserer späteren Wohnung das „Bewerbungsgespräch“ führten, erfuhren sie nebenbei so einiges über unserere Familie, die sich nach 1945, ebenso wie viele andere Flüchtlinge und Vertriebene in dem kleinen Ort niedergelassen hatten. Zigeuner seien wir, wir würden Katzen und Hunde vergiften, klauen, schwarz bauen, etc. pp. Damals erfuhr ich erstmals, dass es so etwas wie Vorurteile in einer Gemeinde gegen eine bestimmte Familie bzw. in unserem Fall eine soziokulturelle Gruppe gibt, und sich hartnäckig hält. Denn im Laufe der Zeit lernte ich immer wieder Menschen kennen, die erstaunlich viel über meine Familie wussten, und mir das völlig ungefragt erzählten, denn auch ich hatte den Namen meines Stiefvaters angenommen, war also daran nicht als Mitglied dieser Familie erkennbar.

Auch im Falle der Dale Farm in England sind es nach einem Bericht in den ARD Tagesthemen die Anwohner gewesen, die sich gerichtlich gegen die Siedlung, die illegal errichtet worden war, gewehrt haben. Nun muss man aber der Vollständigkeit halber erwähnen, dass in solchen Gruppen eigene Gesetze herrschen und andere nationale Gesetze entweder nicht bekannt sind oder bewusst nicht geachtet werden (ein rassistischer Bericht, der das Problem sehr polemisch diskutiert, sollte hier verlinkt werden – ich verzichte darauf, da ich dafür kein Forum bieten möchte. Aber aus diesem Bericht wird u. a. aus Tageszeitungen zitiert, die die kriminiellen Handlungen plakativ darstellen). Das Thema ist sehr kompliziert zu erklären, und wird weitestgehend auf Unverständnis stoßen, denn Reisende sind ein besonderer Menschenschlag, mit dem nicht jeder zurecht kommt. Es ist, wie so oft, dass die Toleranz da aufhört, wo der eigene Gesichtskreis beginnt. Wir verbrauchen Strom und akzeptieren, dass er in Atomkraftwerken hergestellt wurde, aber wir wollen keinen Atomkraftwerke und Endlager vor der Haustüre. Wir wollen keine Atomkraft, akzeptieren aber keine Hochspannungstrassen – aus gesundheitlichen, umweltpolitischen oder optischen Gründen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Nomaden sollen durch die Lande ziehen, und natürlich finden wir es gut, wenn sie sesshaft werden und sich in die Gesellschaft integrieren, aber bitte nicht in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. All diesen Phänomenen wohnt die gleiche egozentrische Grundhaltung inne: ich setze mich für oder gegen etwas ein, aber ich beschäftige mich nicht, der Vernunft gehorchend, mit den Alternativen und Konsequenzen. Die Passivität mit der der Integration begegnet wird, weicht einer erstaunlichen Aktivität, wenn der brave Bürger sich erhebt und dann gegen etwas aufbegehrt. Es ist erstaunlich, dass in der heutigen Zeit, vor dem Hintergrund unserer europäischen Geschichte, diese Haltung immer noch dazu führt, dass eine gesellschaftliche Minderheit diskriminiert wird – die Menschenrechtskonvention missachtend, die Ethik missachtend und die Grundrechte des Menschen missachtend.

Ich möchte diesen Beitrag mit dem Refrain eines Liedes von Gerhard Schöne beenden, der als Liedermacher in der DDR auf seiner Platte „Menschenskind“ bereits 1985 von „Wellensittich und Spatzen“ sang:

„Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog
Hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein
Denn er sang wohl etwas anders und war nicht so grau wie sie
Doch das passt in Spatzenhirne nicht hinein.“

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